Nach der ersten Chemo fuhr Micha mich nach Hause. Ich war so müde, dass ich im Auto einschlief – einfach weg, mitten in dieser neuen Realität. Die Schwester hatte mir Tabletten gegen Übelkeit mitgegeben, und ich war dankbar dafür, denn allein der Gedanke an die Nebenwirkungen machte mir Angst.
Zuhause begrüßten mich Marit und Thorvi. Ihre Gesichter, ihre Stimmen – das war wie ein warmer Mantel nach einem Sturm. Ich legte mich erschöpft auf die Couch, und sofort war klar: alle kümmerten sich um mich. Jede Bewegung fühlte sich schwer an, jeder Gedanke langsam. Gegen 21 Uhr ging ich ins Bett, nahm vorher noch eine Tablette gegen Übelkeit und schlief – den Umständen entsprechend – erstaunlich gut. Die Übelkeit blieb aus. Aber die Erschöpfung war wie ein Gewicht, das mich tagelang festhielt. Ich brauchte Zeit, ehe ich wieder einigermaßen auf den Beinen war.
Am Tag nach der Chemo musste ich eine Spritze nehmen, die mein Knochenmark anregen sollte, wieder mehr weiße Blutkörperchen zu bilden. Ich traute mich nicht, mich selbst zu spritzen. Netterweise übernahm das Michas Mama für mich. Eine kleine Geste, die in dieser Zeit so viel bedeutete.
Mein Hausarzt sollte alle zwei Wochen Blut abnehmen und die Werte nach Halle in die Onkologie schicken, damit sie meine Blutwerte im Blick hatten. Und neben all dem Körperlichen gab es plötzlich auch so viel Organisatorisches zu erledigen. Zum Glück hatte ich liebe Menschen um mich herum, die mich unterstützten. Ich musste meiner Versicherung melden, dass ich erkrankt war, damit die Berufsunfähigkeitsversicherung greifen konnte – eine Versicherung, die ich jedem empfehle. Mein Versicherungsagent Thomas nahm sich viel Zeit, scannte alle Befunde ein, füllte den Antrag aus und leitete alles weiter. Mein Kopf war so voll, dass ich froh war, nicht allein durch diesen Papierdschungel zu müssen.
Am 14. September waren wir als Familie bei Marlon zum Geburtstag – ein Piratenfest mit Schatzsuche. Es tat gut, Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. Für ein paar Stunden war ich einfach nur Mama, Freundin, Teil eines fröhlichen Nachmittags.
Doch die Realität holte mich schnell wieder ein. Am 18. September hatte ich einen Termin im Haarstudio in Braunschweig, um nach einer Perücke zu schauen. Plötzlich wurde mir wieder bewusst, dass ich mein Haar verlieren würde. Und es sollte nicht mehr lange dauern, bis ich den Entschluss treffen würde, sie abzurasieren.
Am 24. September stand ich unter der Dusche, wusch meine Haare und sah – wie schon die Tage zuvor –, wie sie nach und nach ausfielen. Ich erklärte Thorvi, dass die Haare „mit krank“ seien und erst einmal ausfallen müssten, damit sie gesund nachwachsen können. Vielleicht wollte ich mir das selbst auch glauben.
Als ich aus der Dusche kam und meinen Turban aufsetzte, dachte ich daran, dass ich die Haare ja nun auch kämmen müsste. Und dann würden noch mehr ausfallen. Ich weinte. Micha nahm mich in den Arm und tröstete mich – wie so oft in dieser Zeit.
Dann entschied ich, Lisa, meine Friseurin, zu kontaktieren. Sie sollte mir die Haare schneiden, am besten noch vor dem Termin, an dem ich meine ausgesuchte Perücke bekommen würde. Und sie kam einen Tag später.
Es war sehr emotional. 12 Millimeter sollten es werden – von langen Haaren zu ganz kurz. Meine Schwester Stefanie war da, und Anne, meine beste Freundin, schaltete sich per Video dazu. So war ich nicht allein. Lisa tat sich anfangs schwer, den Rasierer anzusetzen. Verständlich. Aber es musste sein. Stefanie filmte. Ich hielt mir ein Tuch vor die Augen. Und die Haare fielen.
Am Ende sah es gar nicht so schlimm aus. Nur ungewohnt. Ich schickte Marit ein Bild aufs Handy – sie war noch in der Schule. Ihre Antwort: „Mama, du bist immer noch schön!“
Stefanie holte später Thorvi aus der Kita ab. Ich trug eine Mütze, um sie langsam darauf vorzubereiten. Sie setzte sich neben mich auf die Couch. „Ich habe meine Haare abgeschnitten“, sagte ich. „Zeig mal, Mama.“
Sie hob die Mütze an, zog sie mir vom Kopf, strich über die Stoppeln und sagte: „Oh, das ist ja weich!“
Damit war das Thema für sie erledigt. Und ich konnte die Mütze absetzen. Manchmal geht es dann doch irgendwie einfach. Verrückt.
Am 26. September hatte ich den Termin im Haarstudio. Anne begleitete mich. Die Dame dort passte alles perfekt an – sehr kompetent, sehr einfühlsam. Danach gingen wir noch etwas essen und sprachen über die nächste Chemo, die für den nächsten Tag angesetzt war.
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