Auswertung & 1. Chemo

06. September 2024

 

Auf den Weg nach Halle hatte ich soviel Gedanken in meinem Kopf. Völlig unsortiert. Aber warum auch nicht. Es gab da einfach zuviel Rätsel für mich und der Umstand, dass ich nicht genau weiß, was das am Ende für mich und mein Leben bedeutet, machte mir Angst. Kann mir überhaupt jemand sagen, welche Prognosen zu Überleben ich hätte? Ich werde dies während meiner Therapie nie fragen. Vielleicht, weil ich annahm, dass mir das sowieso niemand sagen könnte. Zum anderen, weil ich mir dachte: Hey, was nützt mir die Info? Am Ende ist doch jeder Krankheitsweg ein ganz unterschiedlich. Selbst Menschen mit der gleichen Diagnose haben unterschiedliche Krankheitswege und auch -ergebnisse.

 

 

Ich glaube an kleine Wunder. Und manchmal glaube ich auch, dass das Schicksal uns eine Nachricht schickt – leise, aber bestimmt. In meinem Fall klang sie so: „Nadine, denk bitte jetzt mal an dich. Nimm dir eine Auszeit, die schon längst fällig war.“

Mit diesem Gefühl ging ich den Flur zur Onkologie entlang. Hand in Hand mit Micha – wie immer an meiner Seite.

Nach der Anmeldung wurde mir ein Zugang gelegt, Blut abgenommen. Dann hieß es: warten. Noch stand das Gespräch mit der Ärztin aus, bevor die erste Chemotherapie beginnen sollte. Diesmal durfte Micha mit ins Sprechzimmer. Gemeinsam sprachen wir mit der Ärztin über die PET-CT-Bilder und die geplante Therapie.

Die Diagnose war immer noch ein Puzzle mit fehlendem Zentrum. Der Primärtumor – der sogenannte „Mutterherd“ – blieb verschwunden. Also entschieden die Ärzte, die Behandlung als Lungenkrebs zu führen. Nicht, weil sie sicher waren, sondern weil diese Therapieform bessere Optionen bot: eine wirksamere Chemotherapie und die Möglichkeit einer anschließenden Immuntherapie – ein Hoffnungsschimmer in einem Meer aus Fragezeichen.

Dann war es soweit. Ich wurde in den Behandlungsraum gebracht. Für mich war ein Bett vorgesehen – bei Ersttherapien üblich, weil niemand weiß, wie der Körper reagiert. Eine Schwester erklärte mir ruhig, was mich erwartet. Auch, dass ich mit dieser Chemo meine Haare verlieren würde. Ich wusste es theoretisch. Aber wenn jemand es ausspricht, wird es real. Und hart.

Drei Stunden sollte die Infusion dauern. Micha wartete in der Cafeteria, sein Handy immer griffbereit. Ich bekam die Medikamente langsam intravenös verabreicht. Irgendwann schlief ich ein. Die anderen Patient:innen um mich herum nahm ich kaum wahr – ich war zu sehr mit meinem eigenen Schicksal beschäftigt.

So viele Gedanken kreisten in meinem Kopf: Werde ich die Chemo vertragen? Wann fallen meine Haare aus? Was macht die Krankheit mit mir? Wie schaffe ich das alles – mit den Kindern, mit dem Alltag, mit mir selbst?

Eine halbe Stunde vor Ende kam eine Schwester und sagte mir Bescheid, damit ich Micha informieren konnte. Nach und nach verließen die anderen Patient:innen den Raum. Einige waren schon „alte Hasen“. Ich war froh, Micha wiederzusehen, blieb aber noch kurz liegen.

Dann sollte ich langsam aufstehen und in den Nebenraum kommen – dort wartete noch ein Informationsgespräch. Ich stand auf, spürte Kopfschmerzen. Dabei hatte ich während der Chemo viel getrunken. Die Schwester telefonierte mit einem Arzt, der mir eine Tablette erlaubte. Ich nahm sie – doch der Schwindel kam.

„Wenn es nicht mehr geht, gehen Sie ruhig wieder zurück ins Bett“, sagte die Schwester. Und das tat ich. Ich hatte Angst, umzukippen.

Zurück im Bett spürte ich plötzlich kalten Schweiß an meinen Händen. Ich drückte den Notknopf. Eine Schwester kam, schaute kurz – und deaktivierte den Alarm. Hatte sie mich wirklich wahrgenommen? Ich war mir nicht sicher. Also drückte ich erneut.

Diesmal kamen mehrere Schwestern ins Zimmer. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“ „Ich glaube nicht“, brachte ich noch heraus.

Sofort wurde ich an den Pulsmesser angeschlossen. Der Blutdruck war niedrig. Im Liegen ging es halbwegs. Die Ärztin kam. „Trinken Sie Kaffee, Frau Großheim?“ „Heute noch nicht, aber sonst schon.“ „Möchten Sie einen? Ihr Kreislauf scheint im Keller zu sein.“

Micha ging los, holte Kaffee und ein Stück Kuchen. Eine Schwester brachte mir vorher noch ein Eis – und es war wirklich lecker.

Langsam kam ich wieder zu mir. Und mit jedem Schluck Kaffee, mit jedem Atemzug, mit jedem Blick zu Micha wurde mir klar: Ich bin mittendrin. Aber ich bin nicht allein. Und ich bin noch da.

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