Tage des Wartens

21. August 2024

Nachdem ich 15.08.24 das Krankenhaus wieder verlassen durfte, freute ich mich wieder auf meine Familie - insbesondere Thorvi, die ja noch ziemlich viel Mama-Kind ist.

Obwohl die Mitarbeiter im Krankenhaus wirklich freundlich und bemüht waren, fühlte ich mich zuhause doch am wohlsten. Dort konnte ich abschalten und mich in die vertraute Umgebung zurückziehen. Alles schien zunächst gut zu verlaufen, bis ich am Sonntag plötzlich leichte Halsschmerzen verspürte. Anfangs dachte ich noch, dass sich die Beschwerden von selbst legen würden, doch als ich am Dienstag keine Besserung bemerkte, schlug meine Freundin vor, zum HNO-Arzt in Bad Harzburg zu fahren. Micha war zu diesem Zeitpunkt leider auf einer Geschäftsreise, und allein wollte ich nicht fahren. Die Gesellschaft meiner Freundin und unser Gespräch während der Fahrt taten mir in dieser schwierigen Situation sehr gut. Es war beruhigend, jemanden an meiner Seite zu haben, auch wenn ich wusste, dass der Arzttermin eher routinemäßig ablaufen würde.

Beim HNO-Arzt angekommen schilderte ich meine Beschwerden. Nach einer gründlichen Untersuchung teilte er mir mit, dass er nichts Auffälliges erkennen konnte. Dennoch warnte er mich, dass ich in meiner aktuellen gesundheitlichen Lage eine Entzündung möglichst vermeiden sollte. Als Vorsichtsmaßnahme verschrieb er mir ein Antibiotikum, das hoffentlich helfen würde. Trotz der Medikamente und der Fürsorge meiner Freundin wollte sich mein Zustand nicht wirklich bessern. Die Schmerzen blieben, und ich fühlte mich zunehmend belastet.

Micha kehrte bereits am Mittwochabend von seiner Geschäftsreise zurück, obwohl diese eigentlich länger dauern sollte. Seine Entscheidung, frühzeitig zurückzukommen, berührte mich zutiefst. Er wollte für mich da sein, und allein seine Anwesenheit schenkte mir Kraft. Am Donnerstag kündigte sich meine Schwester Stefanie zu einem Besuch an. Sie wollte auf einen Kaffee vorbeikommen und mich sehen. Kaum hatte sie mich angesehen, stellte sie unverblümt fest: „Was quälst du dich denn so?! Fahre ins Krankenhaus. Vielleicht haben sie ja schon deine Ergebnisse.“ Ihre Worte brachten mich zum Nachdenken. Ich zögerte kurz, bevor ich Micha anrief und ihn bat, mich ins Krankenhaus zu fahren. Meine Schwester übernahm in der Zwischenzeit die Betreuung von Thorvi, damit ich mich darauf konzentrieren konnte, herauszufinden, was mit mir los war. Während ich auf Micha wartete, packte ich einen meinen Koffer, da ich nicht wusste, ob ich im Krankenhaus bleiben müsste.

In der Notaufnahme angekommen saßen Micha und ich eine Weile im Wartebereich. Meine Gedanken rasten. Die Halsschmerzen, die bevorstehende Befundauswertung, meine Familie zuhause – all das wirbelte durcheinander und ließ mich innerlich unruhig werden. Ich versuchte, mich nicht verrückt zu machen, doch ein ungutes Gefühl ließ mich nicht los.

Schließlich wurde ich aufgerufen und begab mich in den Behandlungsraum. Dort traf ich auf die Assistenzärztin, die mich bereits kannte und mich freundlich begrüßte. Sie untersuchte erneut meinen Hals und sprach dabei ruhig und einfühlsam mit mir. Dann geschah das Unfassbare: Sie legte ihre Hand auf meinen Oberschenkel und sagte mit Bedacht: „Frau Großheim, wir hätten das Gespräch eigentlich morgen mit Ihnen gehabt. Es tut mir leid – aber es sind Krebszellen nachgewiesen. Wahrscheinlich handelt es sich um die Lunge. Wir stehen bereits in Kontakt mit Halle, haben jedoch noch keine Rückmeldung erhalten, wann Sie dort vorgestellt werden können. Wir wollten dies bis morgen geklärt haben.“

Diese Worte trafen mich wie ein Blitz. Obwohl sie ruhig und behutsam gesprochen wurden, durchdrangen sie mich wie ein Sturm. Tränen liefen mir über das Gesicht, während ich versuchte, die Situation irgendwie zu begreifen. Micha wartete draußen, und ich fühlte mich mit dieser Nachricht vollkommen allein. Die Ärztin blieb jedoch geduldig und reichte mir ein Taschentuch. Mitfühlend sprach sie mir Mut zu: „Sie sind jung und stark. Sie werden das schaffen.“ Ihre Worte waren gut gemeint, doch alles wirkte auf mich so surreal, so unwirklich. Ich versuchte, die Fassung zu bewahren, doch innerlich war ich wie gelähmt.

Auf dem Gang zu einem anderen Untersuchungsraum suchte ich Blickkontakt zu Micha, der nur wenige Meter entfernt war. Unser Blick traf sich, und ich konnte nicht anders, als in Tränen auszubrechen. Das einzige Wort, das ich herausbrachte, als er mich in den Arm nahm, war: „Krebs!“ Seine Umarmung war wie ein Anker für mich – eine schlichte, aber bedeutende Geste in einem Moment, der alles veränderte.

Micha begleitete mich kurz in den Raum, bevor er wieder draußen wartete. Die Untersuchung sollte nicht lange dauern, und obwohl er mir in dieser Situation nicht helfen konnte, war seine Nähe und Unterstützung entscheidend für mich. Es war klar, dass die kommenden Monate eine große Herausforderung für uns darstellen würden. Neben seiner Arbeit würde er sich um die Kinder kümmern und dafür sorgen müssen, dass der Alltag irgendwie bewältigt werden konnte – doch vor allem würde er für mich da sein, und das war das Wichtigste.

Die Ärztin entschied, mich auf der Station aufzunehmen, um mich medikamentös einzustellen, bevor ich weitere Untersuchungen in Halle durchführen lassen würde. Nach Rücksprache mit dem Oberarzt und Professor Dr. Schütte in Halle war geplant, dass ich am Montag dort vorgestellt werden sollte. Bis dahin erhielt ich die notwendigen Medikamente und konnte mich am Samstag selbst entlassen, um den Sonntag mit meiner Familie zu verbringen. Dieser Tag mit meinen Liebsten war mir besonders wichtig, da ich nicht wusste, was mich in Halle erwarten würde.

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