27.-29. August 2024 - Tag 2 - 4
Diese stille Nacht, die Uhr zeigte 1:00 Uhr, und der Blick auf mein Handy enthüllte ein Bild von Thorvi, begleitet von einem selbstgemalten Brief. Die einfache Botschaft aus der vertrauten Welt zu Hause, voller kindlicher Kreativität und Liebe, wirkte wie ein Lichtstrahl in dieser schwierigen Zeit. Es sind solche Augenblicke, die mir helfen, innezuhalten und die Kraft für das Morgen zu sammeln – eine Erinnerung daran, dass man nicht allein ist, selbst wenn die Stunden einsam scheinen.
In dieser Nacht spürte ich ein unangenehmes Puckern in meinem Hals und überlegte, dass es gut wäre, noch einmal Schmerztropfen zu bekommen. Obwohl ich müde war, fühlte ich mich nicht zu schwach, um allein den Weg zu den Schwestern anzutreten. Also raffte ich mich auf und ging sehr langsam den 25 Meter langen Gang entlang – zum einen, weil mir die Wärme zusetzte, zum anderen, weil meine Energie begrenzt war. Am Tresen angekommen, bat ich die Schwester höflich um die Tropfen, die sie mir in einem kleinen Becher bereitstellte. Doch kaum hatte ich das Medikament erhalten, wurde mir plötzlich schwindelig. Ich fragte, ob ich mich kurz hinsetzen könnte.
Die Schwester reagierte sofort, bot mir einen Stuhl an und erkundigte sich, ob mir übel sei. Während sie meinen Puls fühlte, rief ihre Kollegin bereits die Ärztin der Station hinzu. Ich selbst konnte die Schwestern zwar verstehen, war aber wie blockiert und nicht in der Lage zu antworten. Mein Blick wanderte zum Fenster, und ich dachte, wie angenehm kühl es draußen sein musste. Sie maßen meine Sauerstoffsättigung und meinen Puls, der bei erschreckenden 60 lag – und ich saß immer noch auf dem Stuhl! Rückblickend ärgerte ich mich über mich selbst. Warum hatte ich den Schwesternrufknopf nicht benutzt? Die Ärztin erklärte mir schließlich mit viel Verständnis: „Frau Großheim, Sie haben den ganzen Tag nichts gegessen und nehmen Abführmittel. Das nächste Mal klingeln Sie bitte, damit eine Schwester zu Ihnen kommen kann.“
Die Schwestern setzten mich in einen Rollstuhl und brachten mich zurück auf mein Zimmer. Der Fahrtwind im Gesicht war eine kleine, unerwartete Wohltat. Dort angekommen, legten sie mir eine zweite Flexüle: Eine diente dem Tropf mit Flüssigkeit, die andere für die Schmerztropfen und zur Stabilisierung meiner Vitalwerte. Zusätzlich schlossen sie mich an ein Blutdruckmessgerät an, das in halbstündigen Abständen meinen Druck kontrollierte. Ich blieb ruhig liegen und war irgendwann gegen 3 Uhr vor Erschöpfung eingeschlafen.
Am nächsten Morgen - als es Zeit für die Untersuchung war, wurde ich in meinem Bett abgeholt. Die Fahrt durch die Krankenhausflure, vorbei an zahllosen Gängen, war fast angenehm – der Fahrtwind durch die Bewegung sorgte für ein kleines Lächeln auf meinem Gesicht. In der Gastroenterologie angekommen, wurde ich von mehreren Ärzten sehr nett empfangen, die mir kurz erklärten, wie die Untersuchung ablaufen würde. Bevor es losging, durfte ich einen speziellen blauen Einweg-Schlüpfer anziehen, der hinten ein Loch hatte. Das war so absurd, dass ich lachen musste – zusammen mit dem Arzt & seinen Kollegen im Raum. Und dann lag ich auch schon bald auf der Liege und kurz darauf bekam ich von den weiteren Geschehnissen nichts mehr mit, da ich unter Narkose gesetzt wurde.
Ich erwachte schließlich im Aufwachraum und spürte nur eines: Hunger. Zurück auf meinem Zimmer brachte man mir endlich etwas zu essen. Es war nichts Aufregendes – Grießbrei mit Kirschen – doch es schmeckte mir wunderbar. Nach dem langen Tag war diese Mahlzeit ein kleiner, aber bedeutender Trost.
Nachdem ich mein Essen beendet hatte und die Schwester das Tablett abholte, informierte sie mich, dass noch eine Blasenspiegelung anstand. Ich seufzte innerlich – auch das noch. Kurz darauf erschien ein freundlicher Student mit einem Rollstuhl, um mich in die Urologie zu bringen. Ehrlich gesagt, war ich froh darüber, da ich mich in diesem riesigen und verworrenen Krankenhauskomplex vermutlich selbst verlaufen hätte. Es war einfach zu komplex für mich, sich darin zurechtzufinden.
In der Urologie begrüßte mich die Ärztin freundlich und erklärte mir kurz den Ablauf der Zystoskopie. Sie fügte hinzu, dass ich die Möglichkeit hätte, auf einem Monitor zuzusehen. Das klang zwar erst einmal etwas ungewöhnlich und auch ein wenig unangenehm, aber letztendlich war es nicht schlimm. Während der Untersuchung zeigte sie mir meine Blase mithilfe einer kleinen Kamera und stellte beruhigend fest, dass alles in Ordnung sei und keine Auffälligkeiten vorlagen. Nach nur wenigen Minuten war die Prozedur bereits abgeschlossen, und der gleiche Student brachte mich mit dem Rollstuhl zurück auf meine Station.
Wieder zurück, fragte ich nach einem Arzt, um eine Auswertung der bisherigen Untersuchungen zu erhalten. Meine Familie war verständlicherweise besorgt und fragte bereits ungeduldig nach Neuigkeiten, und ich wollte endlich klare Informationen weitergeben können. Nach einiger Wartezeit kamen schließlich der Oberarzt Dr. Busch und eine Kollegin mit einem Stapel meiner Unterlagen zu mir. Das Gespräch war durchwachsen: Es war einerseits beruhigend zu hören, dass weder im Darm, noch im Magen oder in der Blase Auffälligkeiten festgestellt wurden. Andererseits war weiterhin unklar, wo der Ursprung der Krebszellen – der sogenannte Mutterherd – zu finden war. Dr. Busch erklärte, dass es sich um einen schnell wachsenden Krebs handelt, doch die genaue Art und Ursache ließ sich weiterhin nicht ermitteln. Ein weiterer Unsicherheitsfaktor war der Fleck am Oberlappen der Lunge, der nicht eindeutig einem Karzinom zugeordnet werden konnte, jedoch auch nicht ausgeschlossen werden konnte. Diese Unklarheit hinterließ mich erneut mit zahllosen Fragezeichen im Kopf. Allein in Halle, umgeben von Untersuchungen und Gesprächen mit Ärzten, fühlte ich mich in diesem Moment überwältigt.
Am nächsten Tag folgten noch eine HNO-Untersuchung und ein Lungentest, die jedoch ebenfalls keine auffälligen Ergebnisse lieferten. Am Donnerstag war es dann endlich soweit: Ich durfte entlassen werden. Vor meiner Abreise erklärte mir die Ärztin, dass sie für die kommende Woche bereits weitere Schritte geplant hatten. Am Mittwoch sollte ein PET-CT stattfinden, um genauere Erkenntnisse über den Tumor zu gewinnen. Am Freitag darauf waren die Auswertung und direkt im Anschluss, noch am selben Tag, die erste Chemotherapie in der Onkologie in Halle vorgesehen. Sie betonte, dass keine Zeit verloren werden dürfe, um den schnellen Fortschritt der Krankheit einzudämmen.
Ich jedoch wollte zunächst nur eines: endlich zurück nach Hause, zu meiner Familie, um wieder etwas Normalität und Nähe inmitten dieses Chaos zu spüren.
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